Projekt „Chronobiologie“

Das Bewusstsein für die unterschiedlichen Chronotypen beginnt in unserer Gesellschaft gerade erst zu wachsen. Auch bei Arbeitgebern ist das Wissen um „Eulen“ (eher nachtaktiv) und „Lerchen“ (Frühaufsteher) noch nicht so weit verbreitet – geschweige denn die Bereitschaft, Erkenntnisse hierzu in den Dienstplänen zu berücksichtigen. Die Klinik Wartenberg nimmt mit der Teilnahme an der Studie „Chronotyp-orientierte Personaleinsatzplanung“, kurz COPEP, folglich eine Vorreiterrolle in der Gesundheitsbranche ein. Die wissenschaftliche Studie ist eingebettet in das Gesamtprojekt „Chronobiologie in der Klinikpraxis“, das bereits Ende 2018 zusammen mit dem Chrono-Experten Michael Wieden (aliamos GmbH) initiiert wurde. Auf das Thema aufmerksam geworden war Klinik-Geschäftsführer Dr. Constantin von Stechow anlässlich der Veranstaltungsreihe „BGM im Dialog: AOK-Unternehmertag“, wo gleich ein angeregter Austausch zwischen den beiden Herren entstand.

Unter der Leitung von Prof. Dr. habil. Thomas Kantermann von der FOM (Hochschule für Oekonomie & Management) in Neuss wird nun in der COPEP-Studie ermittelt, ob und in welchem Umfang Arbeitnehmer von einer Gestaltung ihrer Arbeitszeit in Abhängigkeit von ihrem Chronotypen profitieren. Die Teilnahme der Klinik-Mitarbeiter ist absolut freiwillig. Knapp die Hälfte der Belegschaft ließ sich durch eine Blutentnahme den Chronotypen ermitteln. Dieser ist nämlich angeboren und daher im Erbgut des Menschen hinterlegt. Die Auswertung der Blutproben erfolgte durch die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Achim Kramer von der Berliner Charité – vollständig anonymisiert, um die persönlichen Daten der Studienteilnehmer zu schützen.  Zusätzlich füllten die Teilnehmer einen standardisierten Fragebogen aus. In persönlichen Interviews mit Experten der Firma aliamos GmbH wurden ihnen die Ergebnisse aus Bluttest und Fragebogen erläutert und die optimalen Arbeits- und Schlafenszeiten unter Berücksichtigung der individuellen Situation ermittelt. In einem nächsten Schritt sollen neue Arbeitszeitmodelle entwickelt werden, die die Chronotypen mehr als bisher berücksichtigen. Haben die Studienteilnehmer ein paar Monate nach den neuen Modellen gearbeitet, erfolgt eine Abfrage per Fragebogen, ob sie sich wohler, ausgeschlafener und leistungsfähiger fühlen. „Die Klinik Wartenberg leistet hier Pionierarbeit“, so Studienleiter Kantermann, der seit Jahren zur Chronobiologie und ihren Auswirkungen auf den Arbeitsalltag forscht. „Für uns Wissenschaftler ist eine große Anzahl an Daten enorm wichtig, um verlässliche Aussagen treffen zu können. Es gibt bislang nicht viele Arbeitgeber, die diesen Bereich ernst nehmen und sich hier engagieren.“ Auch Wieden, der dieses Thema seit Jahren Entscheidern in Vorträgen und Workshops nahebringt, wünscht sich mehr Unternehmen mit derartigem Pioniergeist auf diesem Gebiet.

Dass die Berücksichtigung des Chronotypen bei der Arbeitszeit-, aber auch der Lebensgestaltung durchaus sinnvoll ist, haben auch die Kostenträger im Gesundheitswesen erkannt. Menschen, die entgegen ihrer Veranlagung arbeiten und schlafen, bauen mit der Zeit ein immer größeres Schlafdefizit auf, welches wiederum zu Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Sucht oder Diabetes führen kann. Daher wird das Projekt in der Klinik Wartenberg von der AOK Bayern und der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) gefördert. „COPEP ist ein wichtiges Element innerhalb unseres Gesamtprojektes ‚Chronobiologie‘“, meint Klinik-Geschäftsführer Stechow. „Im Vorfeld haben wir im Rahmen von Workshops und Vorträgen zusammen mit der aliamos GmbH weitere strategische Maßnahmen in Auge gefasst – vor allem, um dem Wunsch unserer Mitarbeiter zu entsprechen, dem Thema „Schlaf“ mehr Aufmerksamkeit zu widmen.“

Das Unternehmen hat in den letzten Jahren ein umfangreiches Betriebliches Gesundheitsmanagement aufgebaut und stetig weiterentwickelt. Dafür wurde es u.a. von der AOK Bayern mit dem Zertifikat „Gesundes Unternehmen“ in Silber ausgezeichnet (2016, Re-Zertifizierung 2018) und belegte beim bundesweit ausgeschriebenen BGW-Gesundheitspreis 2019 den zweiten Platz. Die Beschäftigung mit der Chronobiologie ist als weiterer Entwicklungsschritt in diesem Bereich zu sehen.

Nicht zuletzt wollen die BGM-Beauftragten das Projekt auch als Wertschätzung den Mitarbeitern gegenüber verstanden wissen. „Wo gibt es das schon, dass der Arbeitgeber ein echtes Interesse am Mitarbeiter als Individuum hat; insbesondere in der Gesundheitsbranche, wo man sonst immer nur von Überlastung und geringer Wertschätzung hört?“ fragt Pflegedienstleiter Norman Daßler, der gemeinsam mit Christian Walther BGM-Beauftragter des Hauses ist.

Weitere Informationen zum Projekt gibt es auf der Chronobiologie-Seite der Klinik Wartenberg.

Beschreibung des Projekts auf der Website der aliamos GmbH